„Ich bin dann mal weg“, sagte die klassische Bibliothek

Vor geraumer Zeit machte ich mir Gedanken darüber, wie mein berufliches Umfeld in der Zukunft aussehen könnte. Wie wird die Bibliothek der Zukunft aussehen? Was werden meine Kernaufgaben in 25 Jahren sein? Aus diesem Grund schrieb ich ein paar dieser Gedanken nieder und möchte Euch ein wenig daran teilhaben. Ich habe bereits das Glück in einem hochmodernen, futuristisch wirkenden Gebäude arbeiten zu dürfen und erfreue mich über den Zustand, dass es zudem von meiner Lieblingsarchitektin, der leider viel zu früh verstorbenen Zaha Hadid (1950-2016), entworfen wurde.

Bibliotheken erfreuen sich, vor allem auch bei Heranwachsenden, einer immer größer werdenden Beliebtheit. Allerdings vermute ich, dass wir die klassische Bibliothek in Zukunft nicht mehr so vorfinden werden, wie wir sie von klein auf kennen. Viele verbinden mit dem Begriff Bibliothek automatisch einen Raum oder ein Gebäude mit vollen Bücherregalen, gesammeltes und geordnetes Wissen, Ruhe und vielleicht auch Personal, welches auf Außenstehende ein wenig bieder wirkt (letzteres kann ich für mich definitiv nicht behaupten). In den letzten Jahren wandelte sich dieses Bild sehr stark und wir erleben, sozusagen, eine Renaissance der Bildungstempel.
Ausgehend von aktuellen Mammutprojekten oder bereits fertiggestellten Gebäuden denke ich, dass der Trend definitiv in die Richtung Medien- bzw. Lernzentrum geht. Der Fokus liegt nicht mehr unmittelbar beim Buch, sondern es wird vielmehr die Frage gestellt, was eine Benützerin oder ein Benützer im 21. Jahrhundert benötigt, um sich egal in welchem Bereich weiterzubilden. Die Rolle des Buches möchte ich jedoch auf gar keinen Fall schmälern. Obwohl der eJournal und eBook-Markt immer weiter expandiert, erstaunt es mich immer wieder auf das Neue, wie viele Studierende lieber auf das klassische Buch zurückgreifen. Ok, so ein Bildschirm wird ab einem gewissen Punkt nicht mehr richtig sauber, wenn man ständig mit dem Leuchtstift etwas markieren muss. 😉

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Library & Learning Center der Wirtschaftsuniversität Wien, (C) Friedrich Börhinger

Dieser Zustand ist nicht unbedingt tragisch, aber er verändert das Bild der Bibliotheken deutlich. Gemäß dem Motto groß, größer, am größtem entstehen auf dem Papier zahlreicher Architektinnen und Architekten imposante und moderne Lesesäle, welche nur darauf warten realisiert zu werden. Durch die immer größer werdenden Dimensionen und die technischen Erfordernisse des 21. Jahrhunderts ist es eine sehr schwierige Herausforderung einen Ort der Stille zu schaffen, an dem gleichzeitig geschätzte 2.000 Menschen einen Sitzplatz finden, um zu lernen oder zu lesen. Eine Bibliothek ist längst nicht mehr „nur“ ein Ort mit Büchern. Sie bietet Lounges mit Möglichkeiten zum ausruhen, ein Kaffeehaus oder womöglich auch ein Restaurant an. In manchen Fällen sogar Tonstudios oder Kinosäle. Unsere Bibliothek verfügt bereits über zwei Räume der Stille. In diesen Bereichen ist jegliche Lärmentwicklung untersagt, auch das nutzen von Laptops oder ähnlichen. Hier könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass aus diesen Räumlichkeiten in der Zukunft auch das Verwenden von Smartphones untersagt werden können. Ähnliche Räume gibt es bereits in einigen Bibliotheken im asiatischen Raum (Anm.: der Rekord liegt aktuell bei 9h Stunden lernen ohne Smartphone).

Durch diese „Goodies“ ist die Bibliothek zum Dreh- und Angelpunkt der Studierenden, Schülerinnen und Schüler, Wissbegierigen und Bleistiftathleten* geworden. In der Früh kommen und am späten Abend auf den Weg nach Hause machen. Gedruckte Bücher selbst stehen bei vielen Digital Natives womöglich nicht mehr so im Mittelpunkt, zumindest bis zu einem gewissen Punkt im Studium. Die meisten Studierenden suchen auch nicht unmittelbar in einem Lernzentrum nach Büchern, sondern eher nach einem gemütlichen und klar strukturierten Arbeitsplatz zum arbeiten bzw. lernen. Aus diesem Grund vermute ich auch, dass die Rolle der Bibliothekarin bzw. des Bibliothekars zukünftig eher eine Hybridform aus dem Tätigkeitsfeld einer Hotelrezeption und einer Bibliotheksinformation sein wird. Zugegeben, viele moderne Bibliotheken oder eher gesagt Lernzentren wirken rein äußerlich auch auf den ersten Blick mehr wie ein Hotel – zumindest käme es mir so vor. Die an uns am Bibliotheksempfang gestellten Fragen reichen von „gibt es hier in der Umgebung empfehlenswerte Restaurants?“, über „wo finde ich das Buch XY?“ oder „ich kann meinen gebuchten Projektraum nicht aufsperren, was kann ich tun?“, bis hin zu „haben Sie eine Schere für mich, damit ich den Kabelbinder von meinem Daumen entfernen kann?“. Parallelen zu einer Hotelrezeption sind leicht erkennbar.

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Hotellobby oder Bibliothek? Yale University’s Breinecke Rare Book and Manuscript Library (C) Lauren Manning

Ich denke, dass zu den Hauptgründen eine Bibliothek zu besuchen nicht nur die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen zählt, sondern auch die Tatsache, dass es für viele Personen eine gewisse Art der Motivation darstellt, gemeinsam mit Anderen im Raum ein Ziel zu verfolgen: sämtliche Prüfungen heil zu überstehen und gut durch das Semester zu kommen. Dies trifft jedoch nicht nur auf die Altersgruppe 18+ zu, sondern auch bereits auf deutlich Jüngere. Die Anzahl von Neueinschreibungen von Schülerinnen und Schülern in unserer Bibliothek nimmt tendenziell zu.
Wie wichtig ein Lernplatz für viele Studierende ist, kann man sich bei einem aktuellen Video aus der UB Innsbruck sehr gut ansehen. Soviel sei gesagt, es trägt den Titel „Bib-Run“ nicht umsonst.

Egal wie wir in Zukunft die Bibliothek erleben werden, ich freue mich schon darauf. Ich denke mir immer wieder, dass es auch etwas besonderes ist, so einen einzigartigen Arbeitsplatz zu haben. Es mögen sich vielleicht die Tätigkeitsfelder ein wenig verschieben, aber nichts desto trotz ist und bleibt es ein Zentrum des Wissens… und zur Not kann ich noch immer ein Praktikum im Hotel Sacher machen. 😛
Ich habe mich im Internet ein wenig auf die Suche nach Lernzentren gemacht und wen dieses Thema mehr interessiert kann sich gerne durch die Links klicken.
Außerdem würde es mich sehr interessieren, wie ihr dieses Thema seht? Steht bei euch im Regal nur mehr ein eBook Reader, findet ihr alte oder moderne Bibliotheken ästhetisch ansprechender, usw…? Schreibt mir!

Bleistiftathlet/in, der/die: ist ein Mensch, welcher vorwiegend den gesellschaftlichen Kontakt in Gebieten mit einer hohen Dichte an Schreibtischen und Bücherregalen sucht.

Weiterführende Links:

O.A.S.E. – Bildergalerie von Atelier Lim
Bibliotheken: Einblick in Österreichs universitäre Lesesäle (Die Presse, 21.02.2017)
ArchDaily / Library
25 modern libraries around the world – ebookfriendly.com
Studio Seilern hides secret library at the heart of converted English barn (UK)
„Bib-Run“: Wachposten regeln Chaos an der Uni Innsbruck (Tiroler Tageszeitung, 03.02.2017)

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