Erschließen: Das Erstellen von Bestandskatalogen

Dieser Beitrag betrachtet die Erschließung von Literatur etwas genauer.

Das Erschließen von Beständen zählt zu den Grundaufgaben von Informationseinrichtungen, wie Archiven und Bibliotheken, und ist die Voraussetzung für das Benutzen dieser Bestände.

Ein Bestandskatalog ist ein geordnetes Verzeichnis der vorhandenen Bestände und gleichzeitig das wichtigste Arbeitsinstrument, um zu Recherchieren bzw. um ungewollte Dubletten zu vermeiden (für die Vorakzession). Er dient ebenfalls der Bestandskontrolle und Revision.

Ein Online Public Access Catalogue (OPAC) ist besonders für die Handhabung durch Benützer aufbereitet und wie der Name schon verrät, online im Internet abrufbar. Hier sind interne Daten nicht einsehbar.

Ein Online-Katalog bildet die eigenen Bestände systematisch und strukturiert im Internet ab. Nicht jeder Bestandskatalog ist online und nicht jeder Online-Katalog ist gleichzeitig ein OPAC.


Unterschied zwischen Bibliothekskatalog – Bibliografie – Buchhandelsverzeichnis

Ein Bibliothekskatalog verzeichnet den kompletten Bestand einer Bibliothek und ist daher bestandsabhängig.

Eine Bibliografie verzeichnet Literatur zu bestimmten Themen, ohne wiederzugeben, wo es diese gibt und ist daher bestandsunabhängig.

Ein Buchhandelsverzeichnis verzeichnet die im Buchhandel verfügbaren Medien und wo man diese beziehen kann, z.B. Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB).


Formalerschließung/Katalogisierung:

Die Formalerschließung bezeichnet die Erfassung eines Objektes nach formalen Regeln. Bei der Titelaufnahme einzelner Werke, werden vorwiegend Daten erfasst, die sich belegen lassen: VerfasserIn, Titel, Erscheinungsvermerk (Verlag, Ort, Jahr), Kollationsvermerk (Umfang, Illustrationen), ISBN/ISSN.

Hier die gängigsten Regelwerke:
– RDA = Resource Description and Access (aktuell)

– RAK= Regelwerk für die alphabetische Katalogisierung
– RAK-WB= Regelwerk für wissenschaftliche Bibliotheken
– RAK-ÖB= Regelwerk für öffentliche Bibliotheken
– Preußische Instruktionen
Es gibt Sonderregeln für: Musikalien, Karten, unselbstständig erschienene Werke, Nicht-Buch-Materialien

Sacherschließung/Inhaltserschließung/Indexierung:

Die Sacherschließung erfolgt verbal oder klassifikatorisch.
Bei der verbalen Sacherschließung, der inhaltlichen Beschreibung, erfolgt eine
1. Inhaltsanalyse des vorliegenden Werks mit Hilfe von Abstracts und dem Verstehen des Dokumenteninhaltes, danach folgt die
2. Begriffsfindung und
3. Schlagwortbildung.
Abschließend werden die gefundenen Schlagwörter mit einem vorhandenen Thesaurus abgeglichen (4. terminologische Kontrolle).

Bei der klassifikatorischen Sacherschließung erfolgt aufgrund der Inhaltsanalyse eine hierarchische Einordnung in Klassen bzw. Haupt- und Untergruppen, oft zusätzlich mit einer Notation (Kennzahl).

Schlagwörter sind kurze Beschreibungen des Inhalts, auch Deskriptoren genannt. Sie werden entweder dem Werk entnommen (Extraktionsmethode) oder passend hinzugefügt (Additionsmethode). Diese Suchbegriffe haben auch den Zweck, ein Werk wiederzufinden. Deskriptoren sollten daher spezifisch (keine zu allgemeinen Begriffe) und eindeutig (Wörter können mehrere Bedeutungen haben) sein.

Stichwörter, also im Titel enthalte Wörter sind, eignen sich nicht immer für die Beschlagwortung, da der Titel manchmal nicht genau den Inhalt eines Werks wiedergibt.

Synonyme sind unterschiedliche Begriffe für die gleiche Sache. Das gebräuchlichere Wort laut Wörterbuch wird erst gereiht oder dient als Oberbegriff. Beispiel: Reifeprüfung/Matura/Abitur

Homonyme sind gleiche Wörter für verschiedene Begriffe. Beispiel: Bank (Sitzbank)/Bank (Geldinstitut)

Ein Kompositum (Mehrzahl Komposita) ist ein Wort, das sich aus mehreren Begriffen zusammensetzt. Beispiel: Nummernschildbedruckungsmaschine

Es gibt unterschiedliche Kategorien von Schlagwörtern:

P – Personenschlagwörter, Personennamendatei (Namen)
G – geographische Schlagwörter (Länder, Regionen)
S – Sachschlagwörter (allgem. Begriffe, Individualbegriffe)
Z – Zeitschlagwörter (Zeitraum, Zeitpunkt)
F – Formschlagwörter (Medienart, Erscheinungsweise)

RSWK = Regeln für den Schlagwortkatalog
GND = Gemeinsame Normdatei, die kooperativ von der Deutschen Nationalbibliothek und Bibliotheksverbünden erstellt wurde
– GKD = Gemeinsame Körperschaftsdatei
– PND = Personannamendatei
– SWD = Schlagwortnormdatei

VIAF = Virtual International Authority File
Ein gemeinsames Projekt der Library of Congress in Washington und der Deutschen Nationalbibliothek, bei dem die Personennamendateien Deutschands und der USA verknüpft werden sollen.

Katalogarten:

Alphabetischer Katalog: alphabetische Ordnung nach z.B. dem Nachnamen der/des VerfasserIn
Der alphabetische Katalog ist praktisch, wenn formale Merkmale der Suchkriterien bekannt sind, allerdings ist die Suche nach Schlagwörtern hier nicht möglich.

Schlagwortkatalog: alphabetische Ordnung nach Schlagworten (Sachkatalog)
Der Schlagwortkatalog ist einfach zu verwenden, ähnlich wie ein Lexikon, allerdings werden hier oft die sachlichen Zusammenhänge auseinander gerissen.

Systematischer Katalog / Sachkatalog: Ordnung nach Systematik, Klassifikation oder Notation
Vorteilhaft ist beim Sachkatalog, dass sachlich zusammenhängende Werke bei einander stehen, allerdings muss man als NutzerIn die Systematik vorher kennen.

Standortkatalog: Ordnung nach systematischem Standort, mechanisch oder alphabetisch
Der Standortkatalog ist besonders hilfreich für die Bestandsrevision und die allgemeine Signaturvergabe, allerdings ist er aus Sicht der Benutzerfreundlichkeit am ehesten sinnvoll bei einer mechanischen Aufstellung.

Teil- und Spezialkataloge: für Sonderbestände wie Nachlässe geeignet
Vorteilhaft bei einem Spezialkatalog ist, dass man bei der Suche noch mehr in die Tiefe eingrenzen kann. Wenn eine übergreifende Suche nicht das geforderte Ergebnis bietet, muss man wissen, dass das gesuchte Werk Teil eines Sonderbestandes ist.

Verbundkataloge / Gesamtkataloge / Zentralkataloge: umfassen meist Bestände mehrerer Bibliotheken (in einem Verbund)
Vorteil von Verbundkatalogen ist, dass eine Suchabfrage mehrere Bibliotheken abdeckt, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, etwas Passendes zu finden. Sie dienen als Hilfsmittel für die Fernleihe, allerdings kann es allgemein vorkommen, dass Titelaufnahmen gegebenenfalls uneinheitlich sind.

Exkurs: „alte“ Katalogformen

Bandkatalog / Inventarbuch: Katalog in Buchform
Bandkataloge bzw. Inventarbücher sind besonders für kleine und abgeschlossene Bestände geeignet. Der Nachteil in der Handhabung besteht hier, dass dieser meist handschriftlich entsteht und einen zentralen Standort benötigt sowie nur fortlaufend bearbeitet werden kann. Korrekturen im Nachhinein zu machen, kann mühsam sein.

CD-ROM-Katalog: nur um ihn zu erwähnen.

Mikro(fiche)-Katalog: um auch diesen zu erwähnen. Hier wurden Titelaufnahmen auf Mikroformen gespeichert, welche nur mit einem speziellen Lesegerät wiedergegeben werden können.

Zettelkatalog / Karteikartensystem: eine Titelaufnahme steht auf mindestens einer Karteikarte. Je nach Umfang kann formal, alphabetisch oder nach Schlagwörtern gesucht werden (v.a. in Verbindung mit damaligen Preußischen Instruktionen). Ein Zettelkatalog ist zwar beliebig erweiterbar, kann auf Dauer aber viel platz benötigen. Oft ist die Suche nur eindimensional möglich.

Beispiele für Verbundkataloge / Zentralkataloge:

Zusammenfassung:

Bestandskataloge verzeichnen nicht nur vorhandene Bestände in Informationseinrichtungen, sie sind ein essenzielles Arbeitsmittel für das Recherchieren und Wiederfinden einzelner Werke sowie für die Bestandskontrolle und Standortverwaltung. Die formale und sachliche Erschließung ist mit ganz bestimmten Regeln verbunden, um einheitliche Einträge zu gewährleisten. All dies erleichtert im Allgemeinen die Benützung und die Benutzerfreundlichkeit.

Weiterführende Literatur und teilw. Informationsquellen:
– Gantert, Klaus/Rupert Hacker. Bibliothekarisches Grundwissen, 2008 (8. Aufl.), S. 164-221, 293-335
– Böttger, Klaus-Peter. Basiskenntnis Bibliothek, 2011 (5. Aufl.), S. 192-186

Buchempfehlung: „ZettelWirtschaft“ von Markus Krajewski, 2017

Vorab: Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

In erster Linie bringen wohl die meisten Menschen das Wort Zettelwirtschaft in Verbindung mit der Unordnung von einzelnen Papieren. In dem vorliegenden Buch von Markus Krajewski geht es nicht um die Unordnung, sondern vielmehr um eine mühevoll entwickelte „Maschine“ namens Kartei (= geordnete Sammlung von Daten auf dem einheitlichem Träger Karteikarte), welche die Verarbeitung und Speicherung von großen Datenmengen mit Hilfe von Standardisierungen ermöglicht.

„Kleinhirn im Weltformat.“ (S. 135)

Selten habe ich ein Buch mit einer solch detiallierten Einleitung gesehen. Sie führt gut in das Thema ein und bietet Zusammenfassungen aller Kapitel. Das Buch fordert von seinen Leserinnen und Lesern etwas Konzentration. Konventionelles Fachvokabular wird mit geläufigen Englischen Begriffen beschrieben, so wird die Verbindung zur Gegenwart hergestellt. Zahlreiche Anmerkungen am Ende des Buches sowie ein beachtliches Literaturverzeichnis bieten die Möglichkeit, sich in unterschiedliche, verwandte Themen einzulesen.

Markus Krajewski beginnt – wie erwartet – bei den Anfägen und berichtet von einer regelrechten Bücherflut im Mittelalter und den ersten Versuchen, diese mit Hilfe von Bandkatalogen zu systematisieren; die ersten konventionellen Bibliografien (= eigenständige Verzeichnisse von Literaturnachweisen in einem Buchband) wurden erstellt und waren hauptsächlich  den mönchischen Gelehrten bzw. den Bibliothekaren zugänglich.

In der „ZettelWirtschaft“ lassen sich – anhand von zum Teil bisher unveröffentlichtem Archivmaterial – auch kulturgeschichtliche und politische Hintergründe und Begebenheiten erfahren. Ein Beispiel dafür wären sogenannte Conscriptionsnummern an den Häusern zur Erfassung der männlichen Bevölkerung wegen des verpflichtenden Wehrdienstes (Wien um 1770); später entwickelten sich daraus unsere heutigen Haus- bzw. Türnummern.

Schritt für Schritt können Bibliothekarinnen, Bibliothekare und andere Interesierte die Entwicklung von Bandkatalog zum Zettelkatalog und schließlich zur Kartei verfolgen und parallel Einblick nehmen in die Entstehung der Preußischen Instruktionen (= altes bibliothekarisches Regelwerk für wissenschaftliche Bibliotheken).

Die Kartei wurde stetig weiterentwickelt, verändert und global verbreitet, und stand später nicht mehr ausschließlich dem Bibliothekspersonal zur Verfügung. Krajewski erklärt in einem Exkurs zur USA beispielsweise auch die Anfänge des berühmten bibliothekarischen Klassifizierungssystems Dewey Decimal Classification mit Eigenschaften wie „unbegrenzte Erweiterbarkeit, allgemeine Verständlichkeit, Eindeutigkeit“ (S. 106) und dessen spätere Einflüsse auf Charles Cutter, Urvater der CutterSanbornNotation.

Exzerpte und Querverweise machten die Kartei zu einer wichtigen Suchmaschine und zu einem – wie Krajewski es nennt – „Kommunikationspartner“ (S. 80) für die Benützerinnen und Benützer. Geschäftsleute erkannten das Potential für den Alltag, und so entstanden Adresskarteien für Firmen, Online-Bestandskataloge für Bibliotheken (OPACs) und zum Beispiel Literaturverwaltungs- und Zitierprogramme. Datenverarbeitung gehört schließlich und endlich auch zu den Grundprinzipien der Computertechnologie.

„Was nützt die sorgfältigste Abschrift, wenn es nicht gelingt, sie in produktive Beziehungen mit anderen Einträgen zu bringen, was nützen seitenlange Exzerpte, wenn sie sich nicht einschreiben in ein Netz von vorformenden Querverbindungen. Dem Abschreiben droht das Schicksal einer jeden Karteileiche, nämlich in Isolation zu verharren, wenn es nicht Kontakt aufnimmt zum übrigen Inhalt. Was also notwendigerweise zu den einzelnen Zetteln hinzukommen muß sind Verbindungen.“ (S. 80)

 

ZettelWirtschaft : die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek
224 Seiten, Broschur, zahlreiche Anm., Literaturver., Abb.
2. korrigierte und erweiterte Auflage, Juli 2017, Reihe: Copyrights, 
Verlag: Kulturverlag Kadmos, Berlin
ISBN: 978-3-86599-214-7
EUR 20,50 (AUT) ; EUR 19,90 (DE)

 

Der Verfasser über sich selbst:
Markus Krajewski ist Professor für Mediengeschichte und -theorie an der Universität Basel. Zu den aktuellen Forschungsgebieten zählen Epistemologien des Randständigen, die Wissensgeschichte der Genauigkeit sowie Medien und Architektur. Buchveröffentlichungen u.a.: Bauformen des Gewissens. Über Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur, Stuttgart, 2016, Lesen Schreiben Denken. Zur wissenschaftlichen Abschlußarbeit in 7 Schritten, UTB, Wien u.a., 2013, Der Diener. Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, Paper Machines. About Cards & Catalogs, 1548–1929, The MIT Press, Cambridge, Mass., 2011, Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006. Außerdem: Autor der elektronischen Literaturverwaltungssoftware »synapsen. Ein hypertextueller Zettelkasten«, www.verzetteln.de/synapsen. Für weitere Informationen: gtm.mewi.unibas.ch.

Quelle: http://www.verzetteln.de/#about, Stand vom 15.01.2018

 

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