Zeugnisreflexion: Mehr Chancen und Potenzial am Lehrstellenmarkt

Die Auswahl von geeigneten Lehrlingen ist manchmal gar nicht so einfach, vor allem bei Lehrberufen, die in der Regel eine extrem hohe Bewerberzahl mit sich bringen. In der Masse den Rohdiamanten zu finden, ist somit eine große Herausforderung.
Gute Noten alleine entscheiden nicht darüber, ob ein potenzieller Lehrling auch zum Beispiel soziale Fähigkeiten besitzt und für diesen Beruf sehr gut geeignet ist.

Um diese Fragestellung zu klären, wäre hier das Verfassen einer Zeugnisreflexion ein sehr guter Ansatz. Die Idee dahinter wurde von Christian Novotny ins Leben gerufen und soll Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit geben, zu einem starken Fremdbewertungsinstrument, dem Zeugnis, Stellung beziehen zu können.

Beispiel:*

Eine Institution sucht eine/n Auszubildende/n mit Pflichtschulabschluss, also ohne bereits bestandener Matura. Es haben sich insgesamt 50 Personen beworben. Im Anschluss an einen Test über Allgemeinbildung und einem Probearbeitstag befinden sich eine Schülerin und ein Schüler in der Endauswahl.

Schüler A hat sehr gute Noten in der Mittelschule gehabt. Während des Probearbeitstages fiel allerdings auf, dass er sich sehr schwer bei Arbeiten in der Gruppe tut, da er eher „alleine und unabhängig von Anderen arbeiten möchte“, er möchte quasi „nicht aufgehalten werden“.

Schülerin B hat in Mathematik und beim Betragen („Beurteilung des Verhaltens“) keine gute Note, ist aber dennoch sehr gut beim Probearbeiten und höflich zu allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Es muss also im Anschluss eine Entscheidung getroffen werden. Soll es jener Schüler werden, der lieber für sich alleine arbeitet oder aber die Schülerin mit den schlechten Noten? Viele Arbeitgeber/innen würden spätestens jetzt an ihr zweifeln, denn schließlich muss sie ja etwas getan haben, andernfalls hätte sie ja keine schlechte Betragensnote in der Schule erhalten.

In solchen Fällen wäre es äußerst sinnvoll, der Schülerin die Option zu geben, eine Zeugnisreflexion zu verfassen. In dieser Reflexion könnte sie die Situation erklären, also darüber schreiben, warum sie welche Note erhalten hat.
Im weiteren Verlauf stellte sich heraus, dass die schlechte Betragensnote durch eine Spirale aus Mobbing durch Schulkolleginnen und Schulkollegen zustande kam. Durch diese Art von außergewöhnlicher Belastung verschlechterte sie sich außerdem in Mathematik, weshalb sich bei ihr der Entschluss festigte, das Gymnasium bzw. die Oberstufe nicht weiter zu besuchen, sondern vorerst lieber eine Ausbildung zu machen. Durch diese doch sehr relevanten Informationen, welche im Zuge der Reflexion ans Tageslicht kamen, konnte eine Lösung erarbeitet werden und sie erhielt die Lehrstelle.

Resümee

Resümierend lässt sich sagen, dass auf diese Art und Weise das Risiko sehr stark minimiert werden kann, einen potenziellen Rohdiamanten abzulehnen und im schlimmsten Fall sogar einem jungen Menschen die Motivation oder Ambition einen Beruf zu erlernen zu nehmen. Die Entscheidung, einer Person einen Ausbildungsplatz anzubieten oder aber zu verwehren, hat nicht nur Auswirkungen auf das berufliche Umfeld (in der Rolle des Ausbilders bzw. Vorgesetzten), sondern auch sehr stark auf die Persönlichkeit des Heranwachsenden.

Leider kommt es immer wieder vor, dass Schülerinnen und Schüler aufgrund einer falschen Einschätzung bzw. Beurteilung zügig aus einen Bewerbungsverfahren ausscheiden, obwohl sie äußerst talentiert und interessiert sind.
Häufig werden jene Menschen bei diversen Schulungszentren bzw. Lehrwerkstätten im Rahmen einer Überbetrieblichen Ausbildung untergebracht. Die Idee dahinter ist prinzipiell nicht schlecht, allerdings kommt es des Öfteren vor, dass Jugendliche einen Beruf erlernen, der sie entweder nicht tangiert oder aber die für die spätere Ausübung des erlernten Berufs notwendige Praxis fehlt. Im Jahr 2017 befanden sich, laut einer Statistik de Wirtswchaftskammer Österreich, 33.721 Heranwachsende im 1. Lehrjahr, das entspricht einem Trend von +3,1% (Österreich).**
Wer weiß, wie viele Jugendliche abgelehnt wurden, obwohl in ihnen sehr viel Potenzial steckt und das Talent dahinter nicht erkannt und gefördert wird.

*Es handelte sich hierbei um ein fiktives und freierfundenes Szenario, welches aber ähnlich immer wieder in der Realität vorkommt.


Weitere Informationen:

Zeugnisreflexion – Bewerbungstool, Webseite von Christian Novotny
**Link zur Statistik der WKO
Download Zeugnisreflexion
Arbeitswelt: Wie wichtig sind gute Noten? (Kleine Zeitung, 23. Juni 2018)

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